Impuls für den Monat November

 Bevor wir über diesen Vers nachdenken, sollten wir den Zusammenhang lesen:

  Und danach folgt ein Aufruf oder Entschluss:

Was für eine Vision! Welche Freude, wenn kein Krieg mehr praktiziert wird! Wenn noch nicht einmal durch Aufrüstung erfolgreich abgeschreckt werden muss! Denn man wird nicht mehr wissen müssen, wie man einen Krieg führt, und der nächsten Generation auch nicht beibringen …
Die Vision „Schwerter zu Pflugscharen“ stand am Anfang der Friedensbewegung der DDR, die über ein Jahrzehnt geduldig Widerstand leistete, Kriegsdienstverweigerern half (den „Bausoldaten“), die sich in Montagsgebeten traf, dann zu Montagsdemonstrationen anwuchs, und schließlich mit dem 09.11.1989 zur friedlichen Revolution wurde: Es fiel die Mauer und das gesamte Unterdrückungssystem.

Streng genommen ist das Originalzitat der Friedensbewegung aus Micha 4,1-4 entnommen. Hier findet man die fast wortgleiche Parallelstelle zu Jesaja. Beide Propheten verkündeten dies im 8. Jahrhundert vor Christus im Südreich Juda, nach der Zerstörung des Nordreiches Israel.
Doch sie sprechen nicht nur von einer Verheißung. Die andere Seite der Medaille ist die klare Warnung Jesajas und Michas, was in absehbarer Zukunft folgt:

Es herrscht Chaos, Verlust und Korruption aller Autoritäten, Gewalt, weitverbreitete Ungerechtigkeit, Stolz und Missachtung Gottes, schließlich drohen militärische Niederlagen und Deportation in das Exil.
Die ungerechte Regierung: Das war auch ein offensichtliches Problem in Ostdeutschland. Da wurden alttestamentliche Prophetenreden ganz konkret. Und heute?
Natürlich galt die Ansprache Jesajas und Michas zunächst dem Volk Juda, dem Südreich: Warnung, aber auch Verheißung. Dürfen wir denn diese Verse, oder besser die ganzen Textabschnitte auch für uns annehmen, sie zu uns sprechen lassen? Ich denke ja, das ist legitim.
Denn der Blick in die Zukunft betrifft ja nicht ausschließlich die Juden. Er betrifft alle. Und hier wird es spannend. Denn dem fachkundigen Leser mag es in den Fingern kribbeln: Ist das nicht nur die halbe Wahrheit? Ruft denn ein Prophet nicht zum genauen Gegenteil auf?
Ja, dieser Prophet ist Joel, im 5. Jahrhundert vor Christus:

Joels Prophetie liegt zeitlich nach Judas‘ Exil in Babylon. Und sie betrifft nicht Juda selbst, dieser Aufruf gilt den anderen. Und er endet in einem wütenden aussichtslosen Kampf gegen den Herrn selbst, der siegen wird, der richten wird, der mit diesem teils ironisch erscheinenden Aufruf die Sinnlosigkeit eines Aufstandes gegen Gott und gegen sein Volk noch triggert und unterstreicht.
Der Frieden, den Jesaja und Micha ankündigen, wird eine Tat Gottes sein. Der totale Frieden wird seine Tat sein, unvorstellbar für uns.
Und trotzdem: Gegen alle Erfahrung, gegen alle Wirkungslosigkeit eines Pazifismus, der sich meist als individuelle Entscheidung darstellt, der wirkt oder auch nicht, gegen alle Zweifel:
Es gibt in der Geschichte die einzelnen Momente, in denen aus der Kraft eines gewaltlosen Widerstandes etwas Gutes entstehen kann und entstanden ist. Das war nie für alle Ewigkeit. Aber es schafft Freude, und man kann sich auch mit anderen mitfreuen. Sind wir eigentlich dankbar für 30 Friedensjahre in Mitteleuropa?
 
Wir gehen auf den Advent zu. Deshalb eine kleine Erinnerung an den Friedensfürst Jesus, wie er in Sacharja 9,9f angekündigt wird:

Beste Aussichten!

Euer
Christoph Blanke

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